Stephan Kühne

Musiker

Artikel ÖMZ 11-12.2007

Stephan Kühne

Musikschulen - Instrumentalschulen?
Wann darf man mal sich etwas öffentlich von der Seele schreiben? Dieser Moment kommt nicht oft im Leben. Ich habe hier die Möglichkeit dank des ÖKB über Musikschulen und Kompositionsunterricht in Österreich zu schreiben. Als Musikschulleiter, Instrumentallehrer und Komponist vereine ich mehrere Positionen zu diesem Thema direkt in der täglichen Arbeit. Komponieren in der Musikschule ist ein aktuelles Thema. Allerorten sprießen die Workshops und Projekte.Komponisten und Instrumentallehrer bemühen sich das Bildungsangebot der Musikschulen zu erweitern. Das eine Jahr geht alles gut und im nächsten werden die mühsam genehmigten Stunden auf dem Altar der Bürokratie (z.B.Oberösterreich) geopfert. Mich interessiert in diesem Artikel aber nicht der sicher berichtenswerte Ausnahmefall dieser Sonderveranstaltungen für wenige, mich interessiert die tägliche, nachhaltige Arbeit mit dem Normalschüler. Aus meiner Sicht liegt da doch tatsächlich was im Argen - denn: was sind eigentlich unsere Musikschulen? Sind es lediglich Instrumentalschulen?
Was lernt ein Kind in der Musikschule?
Es lernt im günstigsten Fall die Beherrschung eines Musikinstrumentes und der Musiktheorie bis hin zur Studienreife. Darüber hinaus gibt es eine Fülle von Anregungen und Erfahrungen im Ensemble und Orchesterspiel. Dieses System hat sich bewährt und funktioniert auch weitgehend.
Was lernt ein Kind nicht in der Musikschule?
Das Umgehen und Arbeiten/Spielen mit der Musik selbst. Als Teil der Instrumentalpädagogik, jeder moderne Unterricht sollte in der Elementarstufe Improvisation und das Erfinden von Musik beinhalten, bleibt dieser Bereich der Ausbildung zum Großteil auf der Strecke.
Beispiel Lisa
Lisa ist 10 Jahre alt und hat seit 2 Jahren Klavierunterricht. Lisa ist kreativ. Sollte einmal der wahrscheinliche Fall eintreten, dass sie keine Lust zum Üben verspürt, verbringt sie ihre Zeit am Klavier damit, so vor sich hin zu spielen, zu experimentieren. Hier und da gefällt ihr das Ergebnis gut, so dass sie daran weiterarbeitet und auf diese Weise kleine Melodien, Stücke, Fetzen und Fragmente von etwas entstehen. Meistens orientiert sie sich an Vorbildern aus den Noten, die sie im Unterricht spielt, oder an Dingen, die sie so hört, aus dem Radio oder von Freundinnen und Freunden. Von Harmonien, von Formen, von Melodienlehre, von Motiven hat sie keine Ahnung. Ihre Stücke bleiben auch in der Ausnutzung des Tonraumes begrenzt. Hier und da versucht sie Lieder, die sie so kennt, selbst zu begleiten, scheitert daran aber nach ein paar Takten, weil sie nicht mehr weiterkommt oder ihr das Stehvermögen fehlt. Im Klavierunterricht spielt sie ihre eigenen Versuche nicht, dort hat sie ihre Stücke, die Ihr auch sehr gut gefallen. Sie darf auch moderne Literatur spielen Pop und Boogies etc. Ihren Lehrer fragt sie nicht um Hilfe, da die Zeit im Unterricht ohnehin knapp ist. Begleitend zum Klavierunterricht besucht sie den Musikkundeunterricht. Dort bekommt sie elementares theoretisches Wissen vermittelt. Mit diesem Wissen kann sie bei ihren eigenen musikalischen Basteleien nichts anfangen. In 2 Jahren wird Lisa die erste Übertrittsprüfung machen; dann wird sie schon recht ordentlich Klavier spielen können - aber mit ihren kreativen Gehversuchen wird sie nicht weiter kommen, sie wird damit aufhören.
Beispiel Bernhard
Bernhard, 17 spielt seit 8 Jahren Klavier. Er hat schon eine gute Technik. Klassische Ausbildung. Einfachere Beethovensonaten kann er schon spielen. Auch Bernhard improvisiert gern. Bei der letzten Vortragsstunde seiner Klasse hat er ein eigenes Werk zu Besten gegeben. Dieses war ein wilder Mix aus Krachmaninoff und Poprhythmen - der eigentlich angestrebte 4/4 Takt zog sich nicht immer durch hier und da fehlte ein Achterl, oder war eine Vierterl zu viel in der Phrase. Ein Aufbau im Werk war schwer zu erkennen. Auch Bernhard hat in der Musikschule die Theoriekurse besucht. Auch er kann mit dem gelernten musiktheoretischen Wissen nichts anfangen.
Beispiel Martin
Martin, 16, lernt Saxophon seit 6 Jahren. Ein hochkreativer Kopf, der sowohl im Jazz als auch in klassischen Saxophon zu Hause ist. Martin ist ein exzellenter Saxophonist, der sicher die professionelle Laufbahn einschlagen wird. Er holt sich alles, was er braucht. Besucht Kurse in Jazztheorie, spielt in verschiedenen Bands. Was ihm fehlt ist eine kreative Anlaufstelle in der Musikschule.
Beispiel Christian
Christian, Klarinettist, ist 19. Er will Dirigent werden. Den Kapellmeisterkurs für die Blaskapelle hat er schon erfolgreich absolviert. In der Musikschule hat er die Abschlussprüfung auf der Klarinette mit Auszeichnung bestanden. Wo er wenig bis gar keine Erfahrung sammeln konnte, war das Instrumentieren und Arrangieren von Musikstücken, warum seine Versuche beim Durchspielen mit der Blaskapelle nicht gut geklungen haben konnte ihm niemand sagen.
Die Realität
Die Realität in der Musikschule sieht eigene Arbeit (es muss ja noch nicht einmal so kreativ sein) mit dem musikalischen Material nicht vor. In Ansätzen gibt es das in der Volksmusik im Pop und im Jazz. Die so genannte „klassische“ Ausbildung beschränkt sich auf die Darstellung eines Notentextes. Ohne Noten werden gerade noch die Tonleitern gespielt. Fast jedes Kind probiert für sich an seinem Instrument Eigenes zu machen, zu erfinden. Diese Versuche verkümmern in der Regel.
musikalische Bildung?
Was hilft es, wenn ein Schüler den Formaufbau einer klassischen Sonate herbeten kann, aber mit den einfachsten musikalisch handwerklichen Dingen nichts anzufangen weiß. Ist das musikalisch Bildung, wenn mir klar ist, dass Beethoven ein ausserordentliches Spätwerk hinterlassen hat und wenn ich die Themen der 9 Sinfonien zuverlässig zuordnen kann und vielleicht sogar einen Generalbass aussetzen kann? Und was hat derjenige, der sich selbst das Spiel auf der E-Gitarre beigebracht hat, der eigene Lieder mit seiner Band spielt - der sich Gedanken über Form und Aufbau und Harmonisierung seiner Lieder macht, aber weder Noten lesen kann noch von der „klassischen“ Musik überhaupt was wissen will, für eine musikalische Bildung? Sind das nicht eher zwei Pole, die sich annähern sollten? Musik ist etwas Gemachtes. Musik ist nicht vom Himmel gefallen, auch wenn man das manchmal glauben möchte. Ich glaube, dass die Erfahrung des Machens von Musik, welches in späterer Folge vielleicht in Richtung Komposition geht, die Erfahrung auch der Gemachtheit einer Komposition die Sichtweise ihr gegenüber entscheidend verändert. Man erhält auf einmal Kriterien für die Qualität einer Komposition aus eigener Erfahrung. Und das wirklich gelungene „geniale“ Meisterwerk rückt auf der einen Seite als gemachtes Werk näher und gleichzeitig verschwindet es aufgrund seiner Qualität in der Unendlichkeit der ewigen Rätsel.
Praxis
Der Instrumentallehrer, der diesen Artikel liest, wird mich zu Recht schimpfen, denn wann und wie soll er das geforderte nun auch noch in die knapp bemessene Unterrichtszeit hineinstopfen. Zumal er selbst in der Regel keine Erfahrung mit der Produktion von Musik hat. Wie kann er die musikalische Schatzkiste sein, in die der Schüler hineingreift? Es sollte in jeder Musikschule so etwas wie eine musikalische Spielwiese geben, auf der man alles mögliche ausprobieren und erfahren kann, wo man Hilfestellung erhält und seiner Wünsche und Begabungen nach gefördert wird. Die geeigneten Betreuer so einer Spielwiese wären Personen mit umfassender musikalisch-praktischer Bildung - ein ideales Betätigungsfeld für Komponisten, deren Arbeitsmöglichkeiten (ich meine hier Verdienstmöglichkeiten) derzeit doch beschränkt sind.
Computer und instant music
Wir alle wissen - die Unterhaltungsindustrie schläft nicht! Es gibt Computerprogramme die einen in die Lage versetzen mithilfe von vorgefertigten Rhythmus und Melodieschnipseln, so genannten Loops, „eigene“ Stücke zu arrangieren. Mit wenig bis gar keinen musikalischen Kenntnissen kann man Filme vertonen, eigene Popsongs produzieren etc. In der Werbung für diese Computerprogramme wird versprochen, dass man damit ganz leicht komponieren könne. Schüler, die eigene Erfahrungen in der Produktion von Musik gemacht haben, durchschauen besser, dass diese Auslegung des „componere“ in ein blosses Ordnen und Zusammenstellen von vorgefertigtem wenig bis nichts mit der Kulturleistung des Komponierens zu tun hat.
Inhalte
Das Spiel nach Gehör - Improvisation allein oder in Gruppen - kleine Arrangements selbst machen - Harmonisierungen - eine 2. Stimme zu einer Melodie machen - eigene Stücke selbst machen, notieren und aufführen - gemeinschaftliche Projekte - usw. usw. aneinander und miteinander Lernen.
Vision
Jeden Musikschulschüler im Laufe seines Schulbesuches ein Jahr auf diese Spielwiese zu schicken käme einer Revolution gleich, wäre aber aufgrund des umfassenden Gebietes zu wenig. Der Unterricht sollte in Kleingruppen parallel zum Instrumentalunterricht laufen. Damit wäre auch der leidige (im Moment notwendige) Theorieunterricht obsolet. Denn der Musikkundeunterricht zäumt das Pferd von hinten auf - zuerst sollte man das Sprechen einer Sprache lernen danach die Grammatik.
Realität
Der wirkliche Schüler unterscheidet sich vom pädagogischen Idealbild oft eklatant. Es werden nicht viele einen echten Kompositionsunterricht brauchen, aber es wird die darunter geben, die besonders gefördert werden wollen.
Pioniere
In fast jedem österreichischen Musikschulwerk wird mittlerweile Kompositionsunterricht angeboten.Meist sind das einzelne Projekte von Instrumentallehrern, die zufälligerweise nebenher als Komponisten tätig sind und die das große Defizit in unserer Arbeit erkannt haben. Leider kommt das nur sehr wenigen Schülern zugute. Zudem kämpfen diese Initiativen mit den Schwierigkeiten ihrer alibihaften Randexistenz. Es ist die Frage ob wir weiterhin die kulturelle Verarmung fortschreiten lassen, den musealen Musikbetrieb forcieren und der Unterhaltungsindustrie das Feld überlassen sollen. Kann sich das „Musikland“ Österreich das leisten?
Was kleine Veränderungen bewirken können:
Als Beispiel nehme man sich allein die Auswirkungen, die die Regelung, Werke mit dem Entstehungsdatum in den letzten 30 Jahren spielen zu müssen, beim Wettbewerb „prima la musica“ hervorgerufen hat. Allerorten schreiben sich jetzt viele Schüler mit und ohne Hilfe ihre Stücke selbst in die Finger.